Ruhrpiraten

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Es ist immer die Jugend, die vorwärts drängt. Oft ganz unbewusst und rein instinktiv. Die Jugendlichen, die 1942 im Ruhrgebiet ihre Pubertät erleben mussten, waren eine Generation ohne Väter. Die waren an der Front oder schon erschossen. Es gab kaum zu essen, die Briten hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das Ruhrgebiet, die Waffenschmiede der Nazis, in Schutt und Asche zu legen. Sechzehnjährige Jungs förderten Koks aus den Stollen, damit die Familie die Miete bezahlen konnte. Das war nicht das Leben, was sich die Jungen gewünscht hatten. Immer mehr legten sich quer. Sie begriffen die Hitlerjugend als konkurrierende Bande. Schlägereien waren bald an der Tagesordnung.
Der zuständige Gestapomann schildert die Zustände: «Die heutigen Bewegungen entstammen der Tradition der Wandervögel. In Düsseldorf gab es Anfang bis Mitte der 30er Jahre eine besonders radikal auftretende Gruppe, die sich die Kittelbachpiraten nannte. Daher leitet sich der Begriff Edelweisspiraten ab. Aber es ist nur eine Verallgemeinerung unterschiedlichster Gruppen. Das Problem für die Ermittlungsbehörden ist, dass es unzählige eigenständige Gruppierungen gibt. In Essen sind es die Fahrtenstenze und Navajos. Neuerdings nennen sich einige Ruhrpiraten. In Köln heissen sie Nerother. Sie stehen alle in lockerer Verbindung, sind aber nicht organisiert. Unangepasste, wenn sie so wollen. Daneben haben wir eine Anzahl dieser Swing-Jugendlichen, die sich amerikanisch ausrichten».
Diese jungen Leute gingen an den Wochenenden, statt sich, wie vorgeschrieben, zum Dienst bei der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädchen zu melden, auf «Fahrt». Sie trafen sich in grossen Zeltlagern und sangen die alten Lieder der Bündischen Jugend, welche die Nazis verboten hatten. Sie kochten gemeinsam und hatten Spass. Das war das Leben das sie wollten!
Die Ziele des Kriegs unterstützten sie nicht. Sie sahen Tod und Verderben überall. Der Nazistaat war nichts Gutes.

Sie fingen an, gezielte Aktionen zu unternehmen. Sie wollten Feinde nicht nur der Hitlerjugend, sondern des Nazistaats werden.
Sie druckten Flugblätter mit aus Kork ausgeschnittenen Buchstaben, die Farbe gewannen sie aus Brombeeren, und verteilten sie in die Treppenhäuser während dem Fliegeralarm. Sie legten auf die zweite Stufe des Eingangs zur Wohnung des verhassten Blockwarts einen Nagelteppich, bevor sie ihm einen Ziegelstein durch die Scheibe  ins Schlafzimmer schmissen. Er rannte im Nachthemd, barfuss, heraus. Dann jaulte er.

Die Täter wurden nie gefunden. Aber alle, die vom Blockwart immer schikaniert worden waren, sahen etwas glücklicher aus.
In einer Geschichte, die an Tempo ständig zunimmt, wird vom Freiheitsdrang der Jugend überhaupt erzählt, aber hier von speziell jenen Jugendlichen im Ruhrgebiet, die keine Väter hatten, die nicht beteiligt waren an der Entstehung dieses totalitären Staates oder gar des Krieges. Die beides hassten, weil es sie am Leben hinderte.
Eine sehr einfühlsam erzählte Geschichte über eine Generation, die ein schlechtes Los gezogen hat und dennoch, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, einen Zeigefinger in Richtung zivilisierter Zukunft erhoben hat.

 

Eine Geschichte von Mike Steinhausen.

Besprochen von Wolfgang Müller.

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